Das Geheimnis des Erfolges des „fair rhein e.V.“ in Kamp-Lintfort – in seiner Gründungsphase Ende der siebziger bis Ende der achtziger Jahre. Von der Dritte Welt Aktionsgruppe zum Fair-Handels-Zentrum, Fair-Handels-Beratung und Netzwerk des fairen Handels am Niederrhein. Als integriertes Projekt von entwicklungspolitischer Arbeit, Projektarbeit und Förderung des fairen Handel(n)s und dem Schwerpunkt Jugendarbeit.

(Angeregt durch den Workshop „Weltläden als Vorkämpfer gerechten Welthandels!“  auf der entwicklungspolitischen Jahrestagung 2019 in Münster.)

Eigentlich gibt es gar kein Geheimnis…Vielleicht nur, dass wir damals angemessen auf die Situation und auf die uns gestellten Themen geantwortet haben. So nahm alles seinen Gang.  Erst im Nachhinein kann man darin sozusagen von einem analytischen Blick her auch eine Konzeption erkennen :  nämlich die eines integrierten Ansatzes :  Einmal der Ansatz einer entwicklungspolitischen Bildungsarbeit (ein Ansatz aus den beginnenden 70er Jahren des 20. Jh.), dann ein projektorientierter Ansatz (Arbeit mit und in Einzelprojekten und „Events“) als drittes Standbein der Verkauf von fair gehandelten Produkten und viertens eine projektbezogene offene Jugendarbeit. Die Verknüpfungen ergaben sich dann von selbst:

  • Die Einsicht, „allein der Verkauf von fair gehandelten Produkten ändert noch kein Bewusstsein.“ Entwicklungspolitische Arbeit ist daher begleitend notwendig, am besten exemplarisch in Events oder konkreten Projekten.
  • Die Einsicht, „dass die Probleme der sog. Dritten Welt so eng mit denen unserer ersten Welt verflochten sind, dass wir nur noch von unserer `Einen Welt` reden können“ führte nicht nur zur Umbenennung unseres Vereins in ´Arbeitskreis Eine Welt`, und wir bezogen ökologische und Friedensfragen mit ein. Die Aktion „Jute statt Plastik“ führte uns dann auch dazu, als einer der ersten in unserem Eine Welt Laden Umweltschutzpapier (damals noch ziemlich grau und rau) und ökologische Waschmittel mit zu verkaufen.
  • Die Verknüpfung von Arbeit mit Erwachsenen und Jugendarbeit. Auf einmal standen (das war im Jahr 1978) etwa zwanzig Jugendliche ab 16 Jahren vor unserer Türe und wollten sich verbindlich engagieren. Im Vereinsvorstand saß dann als Beisitzer ein von den Jugendlichen gewählter Vertreter und der Verein war Mitglied im Stadtjugendring unserer Stadt. Zunächst als „Aktionsgruppe“ aktiv, gründeten wir 1980 einen gemeinnützigen eingetragenen Verein. Hier waren wir über mehrere Jahre hin stabil etwa 12 Erwachsene und 20 Jugendliche; dazu kamen noch Menschen, die sich oft nur punktuell engagierten, ohne Vereinsmitglied zu werden.
  • Die ökumenische Verknüpfung: Die Mitarbeiter des Vereins kamen aus drei Konfessionen:  aus der evangelischen, der katholischen und der baptistischen Kirchengemeinde der Stadt. Wir verstanden uns von Anfang an als Initiative von Christen über die Konfessionen hinweg, als „eine ökumenische Initiative für Entwicklungspolitische Bildungsarbeit“ und Mitarbeiter an einem kleinen Stück Weltverantwortung.  Der ökumenische Prozess von „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ war für uns in diesen Jahren eine wichtige Wegweisung.  Dass auch Menschen aus anderer Motivation als einer christlichen bei uns mitarbeiten konnten, war uns selbstverständlich.
  • Die Gründung eines „Dritte-Welt-Ladens“, später „Eine-Welt-Ladens“ und einer Tee- und Kaffeestube als Verkaufs- Aktions- und Informationszentrum 1982 brachte mit sich, dass kleinere Dritte-Welt-Initiativen vom Niederrhein bei uns andockten, Ihre Waren über uns beziehen wollten und Beratungsbedarf hatte. So gründeten wir die „Regionalverteilerstelle“, das spätere regionale Vertriebszentrum und „erfanden“ die Gruppenberaterstelle zunächst über eine ABM-Maßnahme des Arbeitsamtes. Als wir uns nach einer tragfähigen Finanzierung auf Dauer umsahen, fanden wir bundesweit zwei weitere Initiativen, die dieselbe Notwendigkeit einer professionellen Gruppenberatung erkannt hatten. Brot für die Welt und Misereor sind bis heute die Hauptfinanzierer der hauptamtlichen professionellen Fair-Handels-Beratung. 1992 lud dann unser zweiter Gruppenberater zum ersten Regionaltreffen der Aktionsgruppen am Niederrhein ein, woraus dann, allerdings erst später, das „Netzwerk des fairen Handels am Niederrhein“ entstand.

Hier ist nur möglich einige wesentliche Verknüpfungen unserer Arbeit zu skizzieren, die sich in der Praxis auch gegenseitig durchdrangen. So kam es zu so etwas wie einen integrierten Ansatz des Projektes.

Ich möchte hier einige Events und Projekte benennen, die dies in der konkreten Arbeit verdeutlichen:

  1. Noch vor der Gründung des Vereins veranstaltete unsere Aktionsgruppe 1980 in einem kirchlichen Gemeindezentrum in Kamp-Lintfort eine Dritte Welt Woche. Im Mittelpunkt stand eine Ausstellung eines Entwicklungsprojektes in Kamerun in Maroua, das benachteiligte Jugendliche zu Kfz-Mechanikern ausbildete und dass wir in den ersten Jahren regelmäßig auch finanziell unterstützten, aber auch eine ganze Reihe von Abendveranstaltungen, einem Gottesdienst am Sonntag und Führungsangebote für Schulklassen. Um dieses Projekt zu stemmen, unterstützte uns in dieser Zeit ein abgeordneter Zivildienstleistender des baptistischen Gemeindejugendwerkes, der uns dann nach seinem Dienst noch über mehrere Jahre als ehrenamtlicher Mitarbeiter erhalten blieb. Begleitend boten wir Produkte aus dem fairen Handel an und verkosteten „Indio-Kaffee“. Um die Verknüpfung unseres Arbeitskreises mit dem Entwicklungsprojekt in Maroua zu veranschaulichen, gaben wir ein Faltblatt mit dem Titel: „Wir nehmen Partnerschaft erst“ heraus.
  2. Die Jahre 1978 bis 1982 waren geprägt durch viele Aktionen und Aktivitäten in der Öffentlichkeit der Stadt, in den Kirchengemeinden und dem baptistischen Gemeindejugendwerk (z.B. Bundesjugendtreffen mit Jutetaschen-Sonderaktion mit eigenem Aufdruck)
  3. Nach anfänglichen Rundbriefen gaben wir ab 1980 eine eigene kleine Zeitschrift im Eigendruck mit einer ca. vierteljährlichen Auflage von 500 heraus, die nicht nur regionale Verbreitung fand. Sie war nach außen, aber auch nach innen ein wichtiges Instrument entwicklungspolitischer Bildungsarbeit. Nach außen für die Öffentlichkeit, nach innen für eine Reihe unserer Jugendlichen, die sich an der Redaktion, beim Sammeln von Nachrichten und beim Schreiben von Artikeln beteiligten und so „Fachleute“ für bestimmte Themen wurden. Oft hatten die Hefte thematische Schwerpunkte, wie z.B. Revolution und „Neues Nicaragua“, Apartheit in Südafrika, UNCTAD IV – Konferenz, Rüstungsexporte, etc.
  4. 1983 wurde man in der Region auf die vielfältigen Aktivitäten des Vereins aufmerksam, und so wurden wir 1984 als „Vorzeigeprojekt“ zum Jugendempfamg des Bundespräsidenten nach Bonn eingeladen. Wir thematisierten an unserem Stand „Jute statt Plastik“ und machten mit den Jutetaschen der GEPA  und unseren Informationen auf die ökologischen Zusammenhänge in unserer Einen Welt aufmerksam. An der Button-Maschine konnte man / frau sich seinen / ihren eigenen Sticker mit dem Slogan herstellen. Mit vielen der dort eingeladenen Gruppen waren wir uns einig, dass wir mit den Grundansichten des Bundespräsidenten Carl Carstens zu wesentlichen politischen Fragen durchaus nicht einverstanden waren. Von unserem thematischen Impuls war er offensichtlich nicht begeistert. So war die Stimmung dort durchaus zwiespältig.
  5. Die Eröffnung eines Dritte- Welt- Ladens mit angeschossenem kleinen Café in einem Stadtteil der Stadt gelang uns erst 1982.  Die Öffnungszeiten an drei, später vier Tagen in der Woche wurden ehrenamtlich organisiert. Unser Café war zugleich Versammlungsort für den Verein und von Arbeitsgruppen und Veranstaltungsort. Mithilfe öffentlicher Gelder gelang es im Laufe der Zeit eine kleine Fachbibliothek und Medienstelle aufzubauen. Zum Peter-Hammer-Verlag hatten wir eine gute Beziehung und beteiligten uns mit einem kleinen Betrag als stiller Gesellschafter, als es dem Verlag wirtschaftlich schlecht ging. Die Abwicklung von Warenverkäufen (Lieferscheine, Rechnungen, Kommission) mit auswärtigen Aktionsgruppen, die über uns fair gehandelte Waren für ihre Aktionen bezogen, stellte sich für unsere ehrenamtlichen oft jugendlichen Mitarbeiter als Überforderung heraus. 1984 eröffneten wir daher in einem Ladenlokal drei Häuser weiter eine sog. „Regionalverteilerstelle“. Mit dem Umzug des Eine-Welt-Ladens in die Innenstadt versprachen wir uns mehr Laufkundschaft und damit einen höheren Umsatz und Erlöse um die Kosten für einen Laden auf Dauer tragen zu können. Nach einem guten Start und zwei guten Jahren mussten wir jedoch den Laden 1992 endgültig schließen. Einerseits brauchten wir keine Miete, nur die Nebenkosten aufbringen, andererseits verlangten die erweiterten Öffnungszeiten in der Innenstadt die Einstellung von bezahlten Honorarkräften. Auch waren die ehemaligen Jugendlichen herausgewachsen und der Nachwuchs von Jugendlichen für dieses ehrenamtliche Engagement war deutlich geringer geworden. Die Zeiten änderten sich, und ein struktureller Wandel der Arbeit insgesamt kündigte sich an. Das regionale Vertriebszentrum übernahm das jetzt deutlich geringere Einzelhandelsgeschäft, allerdings im „Großhandelslook“.
  6. Die Regionalverteilerstelle verlangte bald nach einer Professionalisierung der Arbeit, die in dem wachsenden Umfang nur von Hauptamtlichen geleistet werden konnte. Doch wie kann das gehen ohne ausreichendes Betriebskapital?  Die ersten beiden kaufmännischen Stellen richteten wir in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt als ABM-Maßnahmen ein. Die zweite Kraft konnten wir dann nach Ablauf des Programms aus eigenen Mitteln mit einer halben festen Stelle weiter beschäftigen.  Auch einen vom Arbeitsamt bezuschussten Ausbildungsplatz zur „Groß- und Außenhandelskauffrau“ konnten wir so einrichten.  Der erste Gruppenberater war (zufällig) ausbildungsberechtigt. Die buchhalterischen Arbeiten und Fragen des Personalmanagements bewältigten wir mithilfe einer befreundeten Steuerberaterin; als wirtschaftlicher Zweckbetrieb war das regionale Vertriebszentrum wie auch der Eine Welt Laden bilanzpflichtig. Eine professionelle Gruppenberatung wurde zu einer weiteren Notwendigkeit. Auch hier konnten wir über eine ABM-Stelle (ABM = Arbeitsbeschaffungsmaßnahme), mit dem richtigen Mann besetzt, Misereor und Brot für die Welt von der Notwendigkeit einer solchen Stelle und von einer Anschlussfinanzierung überzeugen. Bis heute ist die professionelle Gruppenberatung, heute heißt sie „Fair-Handels-Beratung“, ein unverzichtbarer Bestandteil einer netzwerkorientierten Arbeit im Zusammenhang eines „Regionalen Vertriebszentrums“.  Deutschlandweit sind heute 19 Fair-Handels-Berater tätig.
  7. Der erste Gruppenberater, Rolf Beek, begann gemeinsam mit den Mitarbeitern des Vereins Entwicklungspolitische Lern- und Aktionsmodelle zu entwickeln. Der Kaffeeparcours ist nicht am Schreibtisch, sondern am Küchentisch entstanden. Damit ist nicht etwa Banalität oder grobe Vereinfachung in der Information und Kommunikation gemeint. Entwicklungspolitische Lern- und Aktionsmodelle sind in der Praxis entstanden; ihnen liegt ein zwei- bis dreijähriger Erfahrungs- Lern- und Diskussionsprozess zugrunde, bis der „Reifegrad“ erreicht war, mit dem z.B. der Gewürzkoffer und der Kaffeeparcours heute im ganzen deutschsprachigen Raum (über die BRD hinaus auch in der Schweiz und Österreich und in Luxemburg) eingesetzt werden. Diese beiden Lernmodelle, der Gewürzkoffer, entwickelt 1988 – 1990, produziert in weit über 200 Exemplaren und der Kaffeeparcours, entwickelt 1989 – 1992, produziert in weit mehr als 50 Exemplaren, gelten zusammen mit dem Begleitmaterial als die zwei ersten ausgereiften Lern- und Aktionsmodelle, die in Serie produziert worden sind. Von Medienexperten wurden sie als eine „echte Bereicherung der Medienlandschaft gesehen, die es wert sind, ausprobiert zu werden“ (Misereor) oder als „ganz außergewöhnliche Medien, für ganz außergewöhnliche Gelegenheiten“ (Intercom), ein Medium „für erfahrungs- und handlungsorientiertes Lernen…, sodass mit allen Sinnen ein wahrhaft ganzheitlicher Lernansatz praktiziert werden kann.“ (Zeitschrift Pädagogik, 9/93, S. 8-9)   Wir befinden uns hier noch vor der Zeit des Internet mit seinen vielfältigen interaktiven und virtuellen Möglichkeiten! Vorgestellt wurden diese beiden Lernmodelle auf drei evangelischen Kirchentagen in Hamburg. Hannover und Düsseldorf auf dem „Markt der Möglichkeiten“, zugleich der Praxistest vor der Serienproduktion, die dann die „Neue Arbeit Niederrhein“ in Moers bewerkstelligte. Auch der zweite Gruppenberater, Hans Groeschke, setzte mit seiner „Kokoskiste“ diese Entwicklungstradition fort. Nachhaltig durchgesetzt hat sich vor allem der Kaffeeparcours, der heute in der dritten Generation mit modernen Roll-Ups daherkommt. In dieser Pionierzeit gab es noch kaum Fachliteratur zur Thematik der fairen Handel(n)s. Zwar gab es einen ersten Manuskriptdruck „Wandel durch Handel“ Ende der siebziger Jahre, heraus gebracht von der aej; die erste Fachliteratur erschien jedoch erst ab Mitte der Achziger und dann in den neunziger Jahren. Langzeituntersuchungen und systematische Abhandlungen zum Thema sind erst dem 21. Jahrhundert zuzuordnen.

….   und zu guter Letzt:  nach der dritten Namenänderung heißt der Verein heute: „fair/rhein  –  Verein zur Förderung des fairen Handel(n)s am Niederrhein e.V.“  und ist Trägerverein für vielfältige Aktivitäten. Eine Gruppe engagierter Jugendlicher gibt es schon seit langem nicht mehr. Die Ehrenamtlichkeit ist weitgehend auf die allerdings sehr intensive Vorstandsarbeit beschränkt und auf einige Einzelprojekte. So ist die Landesgartenschau im kommenden Jahr in unserer Stadt eine große Herausforderung.

©  Volker Warmbt, Neudorf,  21. Januar 2019